Build vs. Buy: Wann sich individuelle Software-Entwicklung wirklich lohnt
Die Frage "Build or Buy?" ist eine der folgenreichsten Entscheidungen, die ein Unternehmen treffen kann. Sie beeinflusst Budget, Time-to-Market, Wartungskosten und langfristige Wettbewerbsfaehigkeit. Wer falsch entscheidet, bindet Ressourcen an das falsche Modell — manchmal ueber Jahre.
Dieser Artikel liefert kein pauschales "Build ist besser" oder "Buy ist sicherer". Stattdessen erhalten Sie ein strukturiertes Entscheidungsframework, eine Total Cost of Ownership-Analyse und eine Scoring-Matrix, mit der Sie fuer Ihren konkreten Anwendungsfall bewerten koennen, ob individuelle Software-Entwicklung oder Standardsoftware die richtige Wahl ist.
Die Ausgangslage: Warum die Entscheidung heute komplexer ist
Vor zehn Jahren war die Antwort meistens einfach: Kaufen Sie Standardsoftware, wenn es sie gibt. Eigenentwicklung war teuer, dauerte Monate und erforderte grosse Entwicklerteams. Heute hat sich die Gleichung fundamental veraendert:
- KI-gestuetzte Entwicklung verkuerzt Entwicklungszyklen um 40-60 %. Tools wie Claude, Cursor und GitHub Copilot machen individuelle Software-Entwicklung deutlich schneller und kostenguenstiger. Mehr dazu in unserem Artikel Von der Idee zum KI-Prototyp.
- Low-Code/No-Code-Plattformen verwischen die Grenze zwischen Build und Buy.
- SaaS-Muedigkeit ist real: Unternehmen jonglieren 50-100+ SaaS-Tools, die nicht miteinander sprechen, Datensilos erzeugen und in Summe mehr kosten als eine massgeschneiderte Loesung.
- API-First-Architekturen ermoeglichen modulare Eigenentwicklungen, die sich nahtlos in bestehende Systeme integrieren.
Die Frage ist nicht mehr Build oder Buy. Die Frage ist: Welche Komponenten bauen Sie selbst, welche kaufen Sie — und wie integrieren Sie beides?
Wann Standardsoftware die richtige Wahl ist
Standardsoftware (COTS — Commercial Off-the-Shelf) ist die richtige Wahl, wenn Ihr Bedarf einem weit verbreiteten Muster entspricht und keine Differenzierung erfordert.
Klare Indikatoren fuer Buy
- Commodity-Prozesse: Buchhaltung, E-Mail, CRM-Grundfunktionen, Projektmanagement. Diese Prozesse sind bei den meisten Unternehmen aehnlich.
- Regulatorische Anforderungen: Software fuer Lohnabrechnung, Steuer oder Compliance profitiert von Anbietern, die gesetzliche Aenderungen zeitnah einpflegen.
- Schnelle Time-to-Market: Sie brauchen die Loesung in Wochen, nicht Monaten, und der Use Case ist nicht geschaeftskritisch differenzierend.
- Kleines Team: Ihnen fehlen die Entwickler fuer Bau und Wartung einer Eigenloesung.
- Erprobte Best Practices: Sie wollen von den Erfahrungen tausender anderer Unternehmen profitieren, statt eigene Prozesse zu erfinden.
Die versteckten Kosten von Buy
Was auf dem Preisschild steht, ist selten das, was Sie am Ende zahlen:
- Lizenzkosten skalieren: Pro Nutzer, pro Monat — bei 500 Nutzern wird aus 20 EUR/User schnell 120.000 EUR/Jahr.
- Anpassungskosten: Customizing einer Standardsoftware kann teurer werden als eine Eigenentwicklung. Jede Abweichung vom Standard kostet.
- Integrationsaufwand: Die Software muss mit Ihrem ERP, CRM, Data Warehouse und 15 anderen Tools sprechen. Konnektoren kosten, Middleware kostet, Wartung der Integrationen kostet.
- Vendor Lock-in: Datenexport ist oft eingeschraenkt. Ein Anbieterwechsel bedeutet Migration — mit allen Risiken.
- Feature-Bloat: Sie zahlen fuer 200 Features, nutzen 20 und aergern sich ueber die Komplexitaet der 180 anderen.
Wann individuelle Software-Entwicklung sich rechnet
Individuelle Software-Entwicklung ist kein Luxus — sie ist eine strategische Investition, wenn die Software Ihren Wettbewerbsvorteil ausmacht.
Klare Indikatoren fuer Build
- Differenzierender Prozess: Der Prozess ist Ihr Wettbewerbsvorteil. Kein Standardtool bildet ihn ab, weil er genau das ist, was Sie von der Konkurrenz unterscheidet.
- Hoher Integrationsaufwand: Sie muessen 5+ Systeme verbinden und brauchen einen durchgaengigen Datenfluss, den keine fertige Loesung bietet.
- Skalierungsanforderungen: Ihre Anforderungen an Performance, Datenvolumen oder Nutzerzahl uebersteigen die Grenzen von Standardloesungen.
- KI-Integration: Sie wollen KI-Agenten oder automatisierte Workflows, die tief in Ihre Geschaeftslogik eingreifen. Standardtools bieten hier meist nur oberflaechliche "KI-Features".
- Datenhoheit: Sie benoetigen volle Kontrolle ueber Ihre Daten — wo sie liegen, wie sie verarbeitet werden, wer Zugriff hat.
- Langfristige TCO-Vorteile: Ab einer gewissen Unternehmensgroesse sind die kumulierten Lizenzkosten von Standardsoftware hoeher als Entwicklung plus Wartung einer Eigenloesung.
Die versteckten Kosten von Build
Auch Eigenentwicklung hat ihren Preis:
- Initiale Investition: Hoeherer Upfront-Aufwand als eine SaaS-Lizenz.
- Wartung und Weiterentwicklung: Software lebt. Updates, Bugfixes, Security-Patches — das braucht ein Team oder einen Partner.
- Recruiting: Gute Entwickler sind teuer und schwer zu finden.
- Technische Schulden: Ohne saubere Architektur entstehen Altsysteme, die niemand mehr anfassen will.
Build vs. Buy: Die Vergleichstabelle
Das Entscheidungsframework: Scoring-Matrix fuer Build vs. Buy
Nutzen Sie diese Matrix, um Ihren konkreten Anwendungsfall zu bewerten. Vergeben Sie fuer jedes Kriterium 1-5 Punkte. Je hoeher die Summe, desto staerker spricht das Ergebnis fuer individuelle Software-Entwicklung.
Auswertung:
- 8-16 Punkte: Standardsoftware ist wahrscheinlich die richtige Wahl. Investieren Sie in gute Evaluation und saubere Integration.
- 17-28 Punkte: Hybridansatz. Kernprozesse als Standardsoftware, differenzierende Komponenten als Eigenentwicklung.
- 29-40 Punkte: Individuelle Software-Entwicklung ist strategisch sinnvoll. Planen Sie mit einem erfahrenen Partner.
TCO-Analyse: Die Rechnung ueber 5 Jahre
Einmalige Lizenzkosten sind verfuehrerisch niedrig. Die wahren Kosten zeigen sich erst ueber die Lebensdauer der Software. Hier eine vereinfachte TCO-Betrachtung fuer ein mittleres Unternehmen (200 Nutzer, komplexe Integration):
Szenario: Standardsoftware (Buy)
Szenario: Individuelle Software-Entwicklung (Build)
Ergebnis: Bei komplexen Anforderungen und 200+ Nutzern spart individuelle Software-Entwicklung ueber 5 Jahre rund 112.000 EUR — bei gleichzeitig hoeherer Anpassbarkeit und voller Datenhoheit. Die initialen Kosten sind vergleichbar, aber die laufenden Kosten sind deutlich niedriger.
Der Break-even liegt typisch bei 18-24 Monaten. Davor ist Buy guenstiger, danach Build.
Der neue Faktor: Build mit KI
Die Build-Seite der Gleichung hat sich durch KI-gestuetzte Entwicklung grundlegend veraendert. Was frueher 6 Monate dauerte, ist heute in 6-8 Wochen realisierbar.
Wie KI die Build-Option attraktiver macht
- Schnellere Entwicklung: KI-Code-Assistenten beschleunigen die Entwicklung um 40-60 %. Ein erfahrener Entwickler mit KI-Unterstuetzung schafft heute, wofuer frueher ein 3-koepfiges Team gebraucht wurde.
- Niedrigere Kosten: Weniger Entwicklungsstunden bedeuten niedrigere Kosten — ohne Qualitaetseinbussen.
- Rapid Prototyping: Ein funktionsfaehiger Prototyp in 2-4 Wochen statt 2-4 Monaten. Das reduziert das Risiko, weil Sie frueh validieren koennen.
- Intelligentere Software: Mit KI-Agenten koennen Sie Software bauen, die nicht nur Daten verarbeitet, sondern Entscheidungen trifft, lernt und sich anpasst.
Praxisbeispiel: KI-gestuetzter Build
Ein mittelstaendischer Logistiker wollte seine Auftragsverarbeitung automatisieren. Die Standardloesungen auf dem Markt konnten 80 % der Faelle abdecken — aber die restlichen 20 % (Sonderformate, Ausnahmen, manuelle Nachbearbeitung) verursachten 80 % des Aufwands.
Die Loesung: Eine massgeschneiderte Anwendung mit KI-Agenten, die:
- Eingehende Auftraege aus verschiedenen Formaten (PDF, E-Mail, EDI) liest und normalisiert
- Ausnahmen erkennt und automatisch eskaliert
- Aus manuellen Korrekturen lernt und die Erkennungsrate kontinuierlich verbessert
Ergebnis: 85 % Reduktion der manuellen Bearbeitungszeit. Die Loesung war in 10 Wochen produktiv — dank KI-gestuetzter Entwicklung und einem klaren Prozessautomatisierungsansatz.
Entscheidungs-Checkliste: 10 Fragen vor der Build-vs.-Buy-Entscheidung
Beantworten Sie diese Fragen ehrlich, bevor Sie entscheiden:
- Ist dieser Prozess ein Differenzierungsmerkmal? Wenn ja, tendieren Sie zu Build.
- Gibt es eine Standardloesung, die 90 %+ Ihrer Anforderungen abdeckt? Wenn ja, evaluieren Sie ernsthaft Buy.
- Wie viele Systeme muessen integriert werden? Ab 5+ Systemen wird Build oft wirtschaftlicher.
- Wie oft aendern sich die Anforderungen? Bei hoher Aenderungsfrequenz ist Build flexibler.
- Haben Sie ein Team oder einen Partner fuer Wartung? Ohne diesen ist Buy sicherer.
- Wie gross ist der Nutzerkreis? Ab 200+ Nutzern werden Lizenzkosten relevant.
- Wie kritisch ist Datenhoheit? Bei DSGVO-sensitiven Daten spricht vieles fuer Build.
- Wie sieht Ihr Budget-Horizont aus? Kurzfristig guenstiger = Buy. Langfristig guenstiger = Build.
- Gibt es KI-Potenzial im Prozess? Tiefe KI-Integration erfordert fast immer Build.
- Was passiert, wenn der Anbieter aufhoert? Wenn die Antwort "Katastrophe" ist, denken Sie ueber Build nach.
Reale Szenarien: Build, Buy oder Hybrid?
Szenario 1: CRM-System fuer den Vertrieb
Empfehlung: Buy. Salesforce, HubSpot oder Pipedrive decken 95 % der Standard-CRM-Anforderungen ab. Die Integrationen sind ausgereift, die Best Practices sind eingebaut. Individuelle Software-Entwicklung lohnt sich hier nur, wenn Ihr Vertriebsprozess fundamental anders funktioniert als der Marktstandard.
Szenario 2: Auftragsverarbeitung mit Sonderformaten
Empfehlung: Build. Standardloesungen scheitern an den letzten 20 % — den Ausnahmen, Sonderformaten und individuellen Geschaeftsregeln. Hier rechnet sich eine massgeschneiderte Loesung mit KI-Komponenten, die aus Ausnahmen lernt.
Szenario 3: Interne Wissensplattform
Empfehlung: Hybrid. Nutzen Sie eine Standard-Wiki-Plattform als Basis und ergaenzen Sie sie um einen KI-Agenten, der unternehmensspezifisches Wissen aus Dokumenten, E-Mails und Datenbanken durchsuchbar macht.
Szenario 4: Kundenkommunikations-Plattform
Empfehlung: Build. Wenn Kundenkommunikation Ihr Differenzierungsmerkmal ist, brauchen Sie volle Kontrolle. Ein massgeschneidertes System mit KI-gestuetzter Personalisierung, nahtloser CRM-Integration und eigenem Datenmodell bietet langfristig mehr Wert als jede Standardloesung.
Der Hybrid-Ansatz: Das Beste aus beiden Welten
Die pragmatischste Antwort auf die Build-vs.-Buy-Frage ist oft: beides. Ein hybrider Ansatz kombiniert die Stabilitaet und schnelle Verfuegbarkeit von Standardsoftware mit der Flexibilitaet und Differenzierung von Eigenentwicklung.
So funktioniert es:
- Standard fuer Commodity: Buchhaltung, E-Mail, Basisinfrastruktur — hier kaufen Sie.
- Custom fuer Differenzierung: Alles, was Ihren Wettbewerbsvorteil ausmacht — hier bauen Sie.
- Integration als Kleber: APIs, Middleware und KI-Agenten verbinden beide Welten zu einem nahtlosen System.
Beispiel-Architektur: Standard-ERP (SAP/DATEV) + Standard-CRM (HubSpot) + Custom-Auftragsverarbeitung (Eigenentwicklung) + KI-Agent (verbindet alle Systeme, automatisiert Entscheidungen).
FAQ: Build vs. Buy — Individuelle Software-Entwicklung
Was kostet individuelle Software-Entwicklung im Vergleich zu Standardsoftware?
Die initialen Kosten fuer individuelle Software-Entwicklung liegen typischerweise bei 80.000-200.000 EUR fuer mittelstaendische Projekte. Standardsoftware startet mit niedrigen monatlichen Kosten (20-100 EUR/Nutzer). Der Break-even liegt bei komplexen Projekten mit 200+ Nutzern bei 18-24 Monaten. Ueber 5 Jahre ist Build bei hoher Komplexitaet oft 20-30 % guenstiger.
Wie lange dauert individuelle Software-Entwicklung?
Mit KI-gestuetzter Entwicklung rechnen wir bei IJONIS mit 8-16 Wochen fuer eine produktionsreife Loesung. Ein funktionsfaehiger Prototyp steht oft in 2-4 Wochen — schnell genug, um den Business Case zu validieren, bevor Sie die volle Investition taetigen. Mehr zu unserem Prototyp-Ansatz: Von der Idee zum KI-Prototyp.
Kann ich spaeter von Buy auf Build wechseln?
Ja, aber es wird teurer, je laenger Sie warten. Datenmigration, Prozessumstellung und Parallelbetrieb kosten Zeit und Geld. Wenn Sie frueher wissen, dass Sie langfristig Build brauchen, starten Sie frueh. Ein Hybrid-Ansatz — Standard kaufen, differenzierende Teile selbst bauen — ist oft der beste Weg.
Was brauche ich intern, um individuelle Software zu betreiben?
Mindestens einen technischen Ansprechpartner, der Anforderungen definieren und Ergebnisse abnehmen kann. Sie brauchen kein internes Entwicklerteam — ein erfahrener Entwicklungspartner kann Bau und Wartung uebernehmen. Bei IJONIS bieten wir genau dieses Modell: Wir entwickeln, hosten und warten — Sie nutzen und steuern.
Wie reduziere ich das Risiko bei individueller Software-Entwicklung?
Drei Hebel: Erstens, starten Sie mit einem Prototyp — validieren Sie den Business Case in 2-4 Wochen, bevor Sie die volle Entwicklung beauftragen. Zweitens, arbeiten Sie iterativ — liefern Sie funktionierende Inkremente alle 2 Wochen statt ein grosses Release nach 6 Monaten. Drittens, waehlen Sie einen Partner, der Ihre Branche versteht und Referenzen vorweisen kann.
Fazit: Keine Pauschalantwort, aber ein klarer Entscheidungsweg
Build vs. Buy ist keine Glaubensfrage. Es ist eine Rechnung — wenn Sie die richtigen Variablen einsetzen. Die Scoring-Matrix, TCO-Analyse und Entscheidungscheckliste in diesem Artikel geben Ihnen das Werkzeug, um fundiert zu entscheiden.
Die wichtigsten Leitlinien:
- Commodity-Prozesse kaufen. Verschwenden Sie keine Entwicklungsressourcen auf Buchhaltung oder E-Mail.
- Differenzierende Prozesse bauen. Wenn der Prozess Ihr Wettbewerbsvorteil ist, gehoert er in Ihre Hand.
- KI veraendert die Gleichung. Dank KI-gestuetzter Entwicklung sind massgeschneiderte Loesungen schneller und guenstiger als je zuvor.
- Hybrid denken. Die beste Architektur kombiniert Standard und Custom — verbunden durch intelligente Automatisierung.
Sie stehen vor einer Build-vs.-Buy-Entscheidung? Sprechen Sie mit unseren Software-Architekten — wir analysieren Ihren Anwendungsfall und liefern eine fundierte Empfehlung mit TCO-Berechnung.


